Extrovertiertes + Introvertiertes Sehen


Nicht nur das eigene Sehen folgt der individuellen Atemform, sondern auch die Ausdrücke des Malers, dessen Augen die Leinwand gestalten.

 

In der linken Spalte sind Bilder von Einatmern,

die das dynamische, extrovertierte Sehen

anderer Einatmer ansprechen.

 

Auf der rechten Seite sind Bilder von Ausatmern,

die das statische, introvertierte Sehen

anderer Ausatmer ansprechen.

 

Die Möglichkeiten dies mit den eigenen Augen wahrzunehmen sind vielfältig, aber nicht immer einfach. Es gibt mehrere Techniken, von denen einige besser für Einatmer und andere besser für Ausatmer geeignet sind. Sie werden im Verlauf dieser Seite vorgestellt und können anhand der Beispielbilder geübt werden. Wer einmal die für ihn geeignete Technik gefunden hat, kann andere Gemälde, die er betrachtet, in der Regel dem Atemtyp des Malers zuordnen.

 

Die erste und größte Schwierigkeit betrifft alle Atmer: man muss die Qualität des Inhaltes, die gewöhnlich wahrgenommen wird, von der Qualität des Sehvorgangs an sich unterscheiden. Keine Empfindung der Personen, Gegenstände, Themen, Wirkung oder Kraft des Gemäldes, die man benennen und bewerten kann, sind bedeutend, sondern nur die reine Anordnung und Form, die sich dem Sehsinn offenbart. Nicht WAS man sieht ist von Bedeutung, sondern WIE man sieht. Die grundlegende Herangehensweise ist alles andere als einfach: man muss innerlich still werden, damit man das Bild unvoreingenommen und ohne innere Kommentare auf sich wirken lassen kann.

 

Jan Vermeer

Leonardo Da Vinci



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Henri de Toulouse-Lautrec

Alfons Mucha


 

Technik 1: Details und der Gesamtüberblick

 

Diese Methode ist besonders gut für Einatmer geeignet. Die zentrale Frage lautet: kann ich jedes Detail des Bildes wahrnehmen ohne dabei den Überblick über das Ganze zu verlieren?

Dazu lässt man das Gesamtbild auf sich wirken und sucht sich anschließend einzelne Details heraus. Wenn dabei der Gesamtüberblick NICHT verloren geht, handelt es sich um einen Maler mit der gleichen Atemform wie der eigenen. Springen die Augen hingegen von einem Detail zum anderen, so dass der Gesamtüberblick jedes Mal verloren geht, handelt es sich um einen Maler mit der entgegengesetzten Atemform.

 

Diese Erfahrung machen die meisten Einatmer bei den Bildern von Alfons Mucha, in denen der visuelle Gesamtüberblick unerreichbar erscheint. Die vielen Arrangements, Formen und Muster verhindern auch beim Ausatmer einen schnellen Komplettüberblick einzelner Details, nicht aber die Sicht über das Gesamtensemble - unabhängig von seinen konkreten Einzelheiten.


Edvard Munch

Paul Gauguin


 

Technik 2: Atmung und Bewegung

 

Diese Methode ist in der Regel besonders gut für Ausatmer geeignet.

Um diese Technik anzuwenden, beobachtet man während seiner passiven Atemphase (beim dominanten Einatmer also während des Ausatmens, beim dominanten Ausatmer während des Einatmens), ob sich das Bild während des Atemvorgangs mitbewegt, ob es eine ihm innewohnende Dynamik entfaltet. 

Die Möglichkeiten der Erkenntnis sind bei dieser Technik je nach Anwender sehr unterschiedlich. Die einen haben das Gefühl, dass Bild bekomme dann mehr Tiefe oder mehr Raum, bei den anderen bewegen sich die Bilder der Ausatmer auf einen zu, die der Einatmer von einem weg.

Je nach Betrachter erscheinen die Bilder des Gegentypes dabei völlig unbeweglich, platt oder statisch - sie offenbaren keine Dynamik (unabhängig vom Inhalt des Bildes). Die Bilder des eigenen Types hingegen werden als dynamisch, lebendig oder harmonisch wahrgenommen, so dass bestimmte Kräfte des Bildes (der Wind in den Bäumen, die Intensität der Augen, die Tiefe des Raumes etc.) besonders offensichtlich werden.

Mit dieser Technik kann man auch zu der Erkenntnis gelangen, dass die Bilder der Ausatmer "den Betrachter angucken", während die Bilder der Einatmer "vom Betrachter angeguckt" werden. Letzteres fällt dem Einatmer leichter, ersteres dem Ausatmer.

 

 


Claude Monet

Albrecht Dürer



Caravaggio

Jules Joseph Lefebvre


 

Beide Bilder spielen mit Licht und Schatten. Eine gute Gelegenheit, die unterschiedlichen Seharten kennen zu lernen.

 

In welchem Bild offenbart sich schneller der Gesamtüberblick? Wo entdeckt man erst nach längerem Hinsehen weitere Einzelheiten, die das Erfassen des Gesamtbildes augenblicklich beeinträchtigen? (Technik 1)

 

Welches Bild offenbart eine innere Dynamik während des passiven Atemphase, welches Bild bleibt statisch? (Technik 2)

 


Georges de la Tour

Peter Paul Rubens


 

Technik 3: Peripheres Sehen

 

Diese Technik ist für beide Atemtypen gleichermaßen gut. Sie ist aber auch gleichermaßen schwierig, weil man es nicht gewohnt ist, auf diese Art etwas zu betrachten.

Dazu schaue man zunächst auf die beiden äußersten, seitlichen Ränder der Bilder und behalte den Rest des Bildes peripher im Blick. Dadurch werden Bildinhalt und Form von einer anderen Wahrnehmung abgelöst, die spürbar physischer als das "normale" Sehen erfahren werden kann. Man empfindet den Zug an oder den Druck auf den Augen - die bloße körperliche Reaktion auf die stilistische Anordnung des Bildes.

Einfach formuliert: der Stil des Bildes zieht an oder drückt aus.

Hilfreich ist dabei auch die Vorstellung eines Kegels, dessen Spitze bei den Bildern der Einatmer (linke Seite) nach innen weist, und bei denen der Ausatmer (rechte Seite) nach außen dringt.

 

Besonders deutlich kommen die beiden Malstile zum Tragen, wenn die abgebildeten Personen den Prinzipien von Zug und Druck in ihrem Wesen gerecht werden. Rubens Modell "drückt" sich in Richtung des Betrachters und dringt von außen in ihn ein. De la Tours Modell wendet sich nicht nur vom Maler, sondern auch vom Betrachter ab und zieht ihn dadurch erst recht an.

 

Wer noch genauer gucken will, begreife die grelle Sonne (Druck) und den matten Mond (Zug) als visuelle Uroffenbarungen, die in dem beiden Malstilen ihren Widerschein finden.

 


Wassily Kandinsky

Ernst Ludwig Kirchner


 

Das Arrangement: Verstärkung oder Abschwächung

 

In jedem Bild zeigt sich - unabhängig vom Malstil - ein bestimmtes Arrangement (Komposition), das man als dynamisch oder statisch bezeichnen kann. Dynamische Kompositionen sind beweglich, sei es durch Farbe, Licht, Handlung oder Verfremdung. Statische Kompositionen sind in ihrer Grundstruktur unbeweglich, wie ein Portrait, ein Stillleben oder geometrische Figuren

 

Der eigene Malstil wird in Folge der gewählten Komposition verstärkt oder abgeschwächt - wie in den beiden obigen Bildern - zur Geltung kommen. Die Werke Kandinskys sind beispielhaft für einen dynamischen Stil in statischen Arrangements. Auch wenn sich Stil und Komposition widersprechen, wird sich ein Einatmer visuell leicht darauf einlassen können. Ebenso wie ein Ausatmer sich visuell den Bildern Kirchners annähern kann, dessen statischer Malstil in besonders dynamischen Arrangements angesiedelt ist.


Die zwei folgenden Bilder lassen den Typ eindeutig und verstärkt zur Geltung kommen, da sich hier Malstil und Arrangement verstärken.

Ein extrovertierter, dynamischer Malstil erfolgt in einem dynamischen Arrangement und ein introvertierter, statischer Stil in einer statischen Komposition.

Carl Spitzweg

Jean-Auguste Ingres


 

Umgekehrt können Verstärkungen auch dazu beitragen, den gegentypischen Malstil als schwierig oder nicht optimal für die eigenen Sehfähigkeiten anzuerkennen. Das Erlebnis der Andersartigkeit, versucht man das Bild des Gegentyps visuell zu erfassen, kann hier besonders ausgeprägt sein.

 


Eugene Delacroix

Caspar David Friedrich


 

Die universellen Grundprinzipien der Atmung sind Zug und Druck. Diese Kräfte wirken auch beim Sehen. Der dominante Einatmer arrangiert seine Bilder im Außen (Extroversion), der dominante Ausatmer lässt das Visuelle auf sich zukommen (Introversion). Die beiden Malstile folgen diesen Prinzipien und erschaffen Bilder, die anziehend oder ausdrückend sind, denen sich das Auge annähert oder hingibt. (Technik 3)

 

In den obigen beiden Bildern finden sich die Grundprinzipien von Zug und Druck nicht nur in den Malstilen wider, sondern auch in der emotionalen Verkörperung der zentralen Figuren.

 


Annibale Caracci

Michelangelo



Paula Moderson-Becker

Amedeo Modigliani


 

Bilder, die klar aufgebaut sind und mit geringen Einzelheiten und einfachen geometrischen Formen auskommen, sind für die Einordnung mit Technik 1 (Details und Gesamtüberblick) herausfordernder. Es gibt nicht so viele Dinge, in denen man sich verlieren kann, so dass die Frage nach dem fehlenden Gesamtüberblick nicht immer weiterhilft. In solchen Fällen wende man sich, besonders als Einatmer, Technik 3 (peripheres Sehen) zu.  

 


Édouard Manet

Camille Pissarro


 

Die Erkenntnis der verschiedenen Seharten und Malstile ist in der Regel keine einfache Sache. Erst nach einigem Üben ist man in der Lage, die unterschiedlichen Prinzipien in den Malstilen zu unterscheiden. Die abgebildeten Beispiele sowie die kurzen Erklärungen sollen helfen, sich diesem urphysiologischen Phänomen anzunähern. Wer den Durchblick verliert, probiere alle drei Techniken aus, um sicher zu gehen - oder nehme Kontakt auf.

 


Jean-Baptiste Greuze

Judith Leyster



August Macke

Gustav Klimt


 

Klimts Bilder ähneln denen von Alfons Mucha: nicht nur wegen der historischen Epoche und des Kunststils, sondern auch wegen der extremen Gegenkomposition. Denn hier offenbart sich der statische Malstil in einem besonders dynamischen Arrangement. Deswegen können diese Bilder für Einatmer sehr anziehend sein, obwohl sie visuell unmöglich vollständig erfasst werden können. Für Ausatmer hingegen können sie - trotz einer einfacheren Annäherung an den Gesamtblick - ob der vielen dynamischen Einzelheiten abstoßend wirken.

 


Paul Cézanne

Henri Rousseau



William Blake

Emile Bernard



Odilon Redon

Piet Mondrian



Paul Klee

Egon Schiele


Moderne, abstrakte Kunst ist nicht jedermanns Sache. Beide Künstler der obigen Bilder erwecken bei manchen Betrachtern Abwehr oder Desinteresse aufgrund der ungewöhnlichen Kompositionen. Bevor es zur persönlichen Ablehnung (innere Bewertung) kommt, ist es dennoch möglich, mit Hilfe der drei Techniken den Atemtyp des Malers zu begreifen. 


Fragezeichen!

 

Auch Maler, die an einem Fragezeichentag (keine eindeutige Zug- oder Druck-Konstellation) geboren wurden, lassen sich mit Hilfe Ihrer Werke den Atemformen zuordnen, da sie entweder das eine oder das andere Sehen ansprechen. Auch wenn das Bild die einzige Information ist, die man von dieser Persönlichkeit zur Verfügung hat: es spricht eine deutliche Sprache.

 

Dennoch bleiben Fragezeichen im Besonderen Interpretationssache - wer sich in den folgenden Beispielen nicht bestätigt fühlt, entscheide sich selbst. Für weiterführende Hinweise dankbar...  

 

Vincent van Gogh

Pierre-Auguste Renoir



Gustave Caillebotte

Otto Modersohn



Umberto Boccioni

Gustave Courbet



Alexej Jawlensky

Francisco de Goya



Edgar Degas

Sandro Botticelli



Geburtstag?

Fragezeichen!

 

Ist der Geburtstag des Malers unbekannt, geht man ähnlich vor wie bei einem bekannten Geburtsdatum an einem Fragzeichentag. Man schaut...

...was passt und was nicht, was anzieht und was ausdrückt.

 

Nicolaes Maes

Hans Holbein



Pieter Bruegel

Lucas Cranach



El Greco

Giovanni Caroto